Kinder nicht loben

Sollten wir unsere Kinder nicht loben?

Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, Kinder zu loben. Nicht nur Kindern, sondern auch Erwachsenen gegenüber bin ich mit (ernst gemeintem) Lob sehr großzügig. Ich habe aber schon von verschiedenen Müttern gehört, dass sie gelesen hätten, Kinder zu loben sei schlecht. Vor kurzem las ich dann selbst unter anderem auf dem sehr erfolgreichen Blog „Gewünschtestes Wunschkind, dass man seine Kinder nicht loben sollte. Und dies ausgerechnet geschrieben von einer Mutter, die sich genau wie ich für einen liebevollen und respektvollen Umgang mit Kindern einsetzt. Die ihren Kindern möglichst viel Geborgenheit schenkt, sie lange stillt und trägt und im Familienbett schlafen lässt. Attachment Parenting nennt sich diese Art des Umgangs mit unseren Kindern. Und genau im Rahmen des Attachment Parentings wird geraten, Kinder nicht zu loben. Vielleicht ist da ja doch etwas dran, dachte ich mir, und las gespannt den Artikel.

Der Artikel regte mich erstmal zum Nachdenken an. Die Autorin formuliert ihre Aussagen ganz plausibel, sodass ich mich im ersten Moment fragte, ob ich meinen Umgang mit meinen Kindern überdenken sollte. Ich berichtete meinem Mann davon und er reagierte vollkommen abgeneigt. Auch mir wurde nach einer kurzen Diskussion klar, dass das so, wie die Bloggerin es schilderte, nicht für mich stimmte. Als ich den Artikel einer weiteren Person zum Lesen gab, die ebenfalls zunächst beeindruckt davon war, fing ich an, den gesamten Artikel zu analysieren und zu hinterfragen.

Ein Experiment als Ausgangsbasis für das Vermeiden von Lob

Zunächst wird von einem Experiment berichtet, von dem die Bloggerin in einem Erziehungsratgeber („10 schockierende Wahrheiten über Erziehung“ von Po Bronson) gelesen hatte. In diesem Experiment sollten Kinder ein Rätsel lösen. Der Hälfte der Kinder wurde nach dem Lösen des Rätsels gesagt, sie seien schlau, während die andere Hälfte der Kinder zu hören bekam, sie hätten sich wirklich angestrengt. Die Kinder, denen gesagt wurde, sie seien schlau, suchten sich als nächstes eine leichtere Aufgabe aus als diejenigen, die vernahmen, sie hätten sich angestrengt.

Ich denke, dass in dieser Situation die Kinder, die für ihre Schlauheit gelobt wurden, sich unter Druck gesetzt fühlten. Sie wollten nicht enttäuschen und wählten lieber eine einfachere Folgeaufgabe, um auch künftig zu glänzen.

In einem weiteren Test wurde den Kindern keine Wahl gelassen, ob sie als zweites eine schwierige oder leichtere Aufgabe lösen wollten. Alle Kinder bekamen einen sehr schwierigen, nicht lösbaren Test vorgesetzt. Die Kinder, die für ihre Schlauheit gelobt worden waren, bemühten sich weniger und hatten weniger Freude am Lösen der Aufgabe als die Kinder der zweiten Gruppe, deren Anstrengung gelobt worden war.

Die Blogautorin erläutert, dass das Loben der Intelligenz des Kindes dazu geführt habe, dass diese Kinder sich darauf ausruhten und glaubten, sich nicht weiter anstrengen zu müssen. Denn die Intelligenz sei eine nicht beeinflussbare Eigenschaft, während man auf die Anstrengung, die bei der zweiten Gruppe gelobt wurde, sehr wohl Einfluss nehmen könne. Klingt nicht abwegig! Aber lassen sich die gemachten Beobachtungen innerhalb eines Testumfelds so einfach auf den Alltag übertragen?

Statt das Kind zu loben, solle man die Leistung gutheißen

Im Blogartikel wird aufgrund dieses Testergebnisses vorgeschlagen, dass man Kinder nicht für ihre Eigenschaft loben sollte, sondern lediglich für das, was das Kind gerade geleistet habe. Ungünstig sei zum Beispiel, seinem Kind zu sagen: „Toll, wie gut du schon klettern kannst!“ Besser wäre es hingegen, ihm zuzurufen: „Du bist ganz nach oben geklettert! Du hast es geschafft!“

Die Autorin des Blogs erklärt, das sei nicht das Gleiche, weil bei der ersten Variante das Kind bewertet, bei der zweiten hingegen nur die Beobachtung geäußert würde. Das ist so weit richtig.

Lob besteht nicht nur aus Worten, sondern auch aus Gesten

Zum einen glaube ich aber nicht, dass ein Kind in diesem Fall differenziert wahrnimmt, ob ich ihm begeistert zurufe: „Du kannst toll klettern!“ oder: „Du hast es geschafft!“ Es zählen schließlich nicht nur die geäußerten Worte, sondern auch die damit verbundenen Gesten und der Gesichtsausdruck. Das Kind befindet sich hier mitten im Spiel und nicht in einer Prüfungssituation. Es freut sich über die Zuwendung der Mutter und dass sie gesehen hat, was es geschafft hat. Ich denke, für das Kind spielt es in dem Moment keine Rolle, wie die Mutter ihr Lob formuliert. Hauptsache, sie hat die Leistung des Kindes wahrgenommen.

Was ist das Ziel dieser Methode?

Zum anderen frage ich mich, was denn das Ziel davon sein soll, sein „Lob“ in diesem Fall nur auf die Leistung zu beziehen? Soll es das Kind also dazu animieren, seine Leistung zu verbessern, also als nächstes auf einen hohen Baum zu klettern?

Soll diese Art des Lobens besondere Genies hervorrufen? Ist das das Hauptanliegen von Eltern, eine möglichst hohe Leistung ihrer Kinder zu erzielen? Damit sie in unserer viel zitierten „Leistungsgesellschaft“ möglichst ganz nach oben kommen (im wahrsten Sinne des Wortes) und „besser“ sind als alle anderen?

Eltern werden verunsichert

Ich persönlich sehe darin einen großen Nachteil. Der Rat, Lob mit Vorsicht auszudrücken, verunsichert Eltern und macht ihnen das Leben schwer, wenn sie versuchen, ihn im Alltag zu befolgen. Bei jedem Wort, das sie zu ihrem Kind sagen wollen, denken sie darüber nach, wie sie es nun am geschicktesten formulieren. Bei Lob, das sie ausgesprochen haben, ärgern sie sich möglicherweise, weil sie es „falsch“ formuliert haben könnten.

Lohnt sich das? Um das Kind zu einer maximalen Leistung zu bringen? Ist der Schaden so groß, wenn man sein Kind eben trotzdem lobt, wie man es gerade als richtig empfindet?

Lob sei Manipulation

Hinzu kommt, auch das Loben von Leistungen wird von der Blogautorin nicht unbedingt befürwortet. Sie argumentiert, dass man Kinder grundsätzlich mit Lob „manipuliere“. Man würde sie loben für das, was man von ihnen erwarte, um die Kinder in eine bestimmte Richtung zu lenken. Wenn sie also die Erwartungen der Eltern erfüllten, bekämen sie Lob. So wüssten die Kinder, dass sie dieses Verhalten wiederholen sollten. Würde das Verhalten der Sichtweise der Eltern nicht entsprechen, so würden die Kinder getadelt. Zu loben sei also genauso falsch wie zu strafen.

Lob widerspräche der bedingungslosen Liebe

Kinder fühlten sich auf diese Weise dann, wenn sie gelobt würden, besonders angenommen und anerkannt. Dies könne aber dazu führen, dass die Kinder sich nicht bedingungslos geliebt fühlten. Sie könnten glauben, dass die Eltern sie nur liebten, wenn sie deren Erwartungen erfüllten und dafür Lob bekämen. Außerdem könnten sie das Gefühl haben, Leistungen vollbringen zu müssen, um geliebt zu werden.

Hat Lob überhaupt etwas mit Liebe zu tun?

Ich lobe meine Kinder, wie schon erwähnt, sehr oft. Aber das hat nicht unbedingt etwas mit Liebe zu tun. Ich lobe auch Straßenmusiker für ihren tollen Auftritt, obwohl ich diese nicht liebe, geschweige denn kenne. Ich möchte die Straßenmusiker aufmuntern und bestärken. Ihnen ein Glücksgefühl schenken. Und das gleiche geschieht, wenn ich meine Kinder lobe.

Meine Liebe zu meinen Kindern drücke ich unabhängig von meinem Lob aus. Indem ich sie regelmäßig in den Arm nehme, ohne dass sie dafür eine Leistung vollbracht haben. Sie schlafen bei mir im Familienbett und wir kuscheln uns aneinander. Wir sagen uns gegenseitig, wie sehr wir uns liebhaben und dass wir immer für einander da sein werden. Meine Kinder wissen ganz genau, wie sehr ich sie liebe, ganz egal, was sie tun. Wenn ich zu meiner vierjährigen Tochter sage, wie lieb ich sie hätte, antwortet sie: „Ach Mami, das weiß ich doch schon!“

Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, dass die Art, ein Lob zu formulieren, Einfluss darauf hat, ob unsere Kinder sich bedingungslos geliebt fühlen. Zumindest sind für mich andere Faktoren hierfür wesentlich ausschlaggebender.

Und wenn alle mein Kind loben, nur ich nicht?

Hinzu kommt, dass Eltern ja nicht die einzigen sind, die mit ihren Kindern in Kontakt treten. Kinder begegnen Erziehern, Lehrern, Freunden und Mitschülern und erfahren überall Lob für besondere Leistungen oder Eigenschaften. Wie traurig muss das für ein Kind sein, wenn es von allen gelobt wird, bloß von den eigenen Eltern nicht.

Hierzu argumentiert die Autorin, dass es ja gerade um die bedingungslose Liebe der Eltern ginge. Die Eltern würden das Kind auch lieben, ohne, dass es eine Leistung vollbracht hätte. Das Kind bräuchte deshalb also kein Lob seiner Eltern.

Wie oben bereits erwähnt, liebe auch ich meine Kinder unabhängig irgendeiner vollbrachten Leistung. Aber ich glaube nicht, dass meine Kinder an meiner Liebe zweifeln, wenn ich sie trotzdem lobe.

Lobende Menschen ernten Zuneigung

Was, wenn Eltern aufgrund solcher Ratschläge tatsächlich aufhören, ihre Kinder zu loben? So lautet nämlich auch der provokante Titel des Blogbeitrags: „Warum Sie ihre Kinder nicht loben sollten.“ Wäre das nicht schade?

Wenn ich als Vorbild meiner Kinder mit Lob großzügig bin, werden sie das wahrscheinlich von mir übernehmen und anderen Menschen ebenfalls mit Lob begegnen, sofern geboten.

Menschen, die sich trauen zu loben, werden oftmals sehr gemocht. Diese Anerkennung, die sie anderen gegenüber ausdrücken, bekommen sie meist von denjenigen zurück. Es ist in meinen Augen ein Vorteil, wenn Menschen sich trauen, Lob auszusprechen. Es ist ein ganz grundlegendes Element der zwischenmenschlichen Empathie.

Meine sechsjährige Tochter schafft es jetzt schon mit ihrer charmanten Art, Menschen für sich zu gewinnen. An der Supermarktkasse sagte sie neulich zur Kassiererin, was sie für eine schöne Halskette trage. Die Kassiererin war ganz entzückt.

Vielen Menschen fällt das Loben sehr schwer. Das wünsche ich meinen Kindern, ehrlich gesagt, nicht.

Ehrlich gemeintes Lob sei erlaubt

Gegen Ende ihrer Ausführungen schreibt die Autorin dann schließlich doch noch, ehrlich gemeintes Lob sei natürlich jederzeit in Ordnung. Also wie jetzt? Darf man nun loben oder nicht? Und warum sollte jemand auf die Idee kommen, seine Kinder unehrlich zu loben?

Nicht in Ordnung sei zum Beispiel, ein Kind dafür zu loben, dass es sein Zimmer aufgeräumt habe. Damit wolle man lediglich erzielen, dass das Kind das wiederhole. Das sei manipulativ.  Wenn ein Kleinkind seine ersten Schritte gemacht habe, sei Lob hingegen angebracht. Aber will man damit nicht auch sein Kind ermutigen, weitere Schritte zu wagen? Das könnte man doch ebenso als „manipulativ“ bezeichnen.

Wie kann ich beurteilen, ob das Lob, das ich gerne aussprechen würde, manipulativ ist oder nicht? Auch mit dieser Ansage wird meiner Meinung nach Eltern das Leben mit ihren Kindern unnötig erschwert.

Weiterhin stellt die Autorin die Frage: „Und was empfindet ein Kind, das sein Bild eigentlich im Stillen als nicht gelungen betrachtet, das dann gießkannenartig hört "Toll gemacht!"“

Wenn meine Tochter sich offensichtlich bei einem Bild keine Mühe gegeben hat, dann sage ich nicht unbedingt: „Toll gemacht!“ sondern auch mal: „Da hast du dich aber beeilt.“ Aber selbst, wenn mir ein Bild gefallen sollte, welches ihr selbst vielleicht nicht so zusagt, Geschmäcker unterscheiden sich, das ist doch nicht ungewöhnlich.

Sollte sie mir ein Bild jedoch stolz präsentieren, erwartet sie offensichtlich dafür Lob. Ich denke nicht, dass sie sich dann über ein gießkannenartiges „Toll gemacht“ wundert.

Banales, nebensächliches Lob wäre unangebracht

Geschämt hat sich die Autorin, als sie feststellte, dass sie das zwölfte Bügelperlenbild ihrer Tochter immer noch lobte mit: „Du hast das toll gemacht!“ Dies sei ein zu banales und nebensächliches Lob gewesen. Warum denn? Ist es denn nicht toll, dass ihr Kind in der Lage war, so lange an einer Sache dran zu bleiben? Ist eine Leistung nur beim ersten Mal lobenswert?

Orientierungshilfe oder Manipulation?

Ich bin der Meinung, Kinder brauchen Lob als Bestärkung und Ermutigung. Nicht nur, um sich wertgeschätzt zu fühlen. Auch als Orientierungshilfe, was in besagtem Blogartikel jedoch als „Manipulation“ bezeichnet wird. Warum muss man es denn negativ als „Manipulation“ bezeichnen, wenn man einem Kind mit Lob oder Tadel eine Richtung vorgibt, es im ursprünglichsten pädagogischen Sinne „anleitet“? Es ist in meinen Augen lediglich diese negativ geprägte Begrifflichkeit der „Manipulation“, die abschreckt. Sollen wir unsere Kinder besser orientierungslos im Leeren stehen lassen? Ich halte es für vollkommen gerechtfertigt, Kindern in Form von Lob oder Tadel zu vermitteln, welches Verhalten erwünscht ist und welches ihnen selbst oder ihrem Umfeld schadet.

Und wenn wir ganz ehrlich sind, ist es für Eltern doch auch gar nicht zu schaffen, Loben und Tadeln gänzlich zu vermeiden. Immer wieder lese ich in Blogkommentaren, wie Mütter sich vorwerfen, ihr Kind getadelt zu haben und wie schwierig sie es fänden, dies zu unterlassen. Ja, weil es wahrscheinlich schlicht nicht geht.

Die Autorin geht hingegen davon aus, dass wir lediglich durch unsere eigens erfahrene Erziehung und die gesellschaftlichen Normen geprägt seien und es uns deshalb schwerfalle, uns von diesem Umgang mit Kindern zu trennen. Da bin ich mir nicht so sicher.

Mehr Selbstbewusstsein, wenn wir unsere Kinder nicht loben?

Im Artikel wird behauptet, Kinder, die nicht gelobt würden, würden mehr Selbstvertrauen entwickeln. Es wird gefragt. „Wie will man ein gesundes Selbstwertgefühl und Freude, an dem, was man tut, entwickeln, wenn die eigenen Leistungen unablässig fremd bewertet werden?“

Warum sollte man weniger Freude an etwas entwickeln, bloß weil „Fremde“ (die Eltern) einen dafür gelobt haben? Ich denke doch eher, dass Bestärkung von außen ein Kind auch innerlich festigt. Mehr noch: Ich glaube, wenn Kinder keine Anerkennung (und ja, dazu zählt auch ehrliches Lob, das von Herzen kommt) erfahren, beginnen sie, an sich selbst zu zweifeln.

Kinder würden süchtig nach Lob

Als weitere Gefahr des Lobens wird gesehen, dass sich Kinder zu sehr an das Lob gewöhnten und davon abhängig würden. Unsere Kinder würden ihre Leistungen nur noch erbringen, um gelobt zu werden und nicht mehr aus der reinen Lust an der Tätigkeit oder am Helfen. Anstatt dem Kind also zu sagen: „Du hast den Tisch toll gedeckt!“ solle man sagen: „Danke, dass du mir geholfen hast!“

Ich denke, instinktiv würde man hier eher zur letzteren Variante greifen und dem Kind danken. Aber selbst wenn man es nun auch noch lobt, weil es den Tisch besonders toll gedeckt hat, verliert das Kind dadurch automatisch die Freude am Helfen?

Lässt sich das Bedürfnis nach Anerkennung unterbinden?

Dass wir von Lob abhängig sind, dem stimme ich zu. Wir Menschen brauchen Zuwendung und Anerkennung aus unserem Umfeld. Wir stellen Bilder bei Facebook und Instagram ein und freuen uns riesig über jede „Gefällt mir“-Angabe. Menschen, die ignoriert oder ausgegrenzt werden, werden oft krank und depressiv. Aber hat diese Abhängigkeit von Anerkennung und Lob mit der Erziehung zu tun, die wir als Kinder erfahren haben? Wären wir als Kinder niemals gelobt worden, würden wir dann als Erwachsene damit zurechtkommen, dass uns niemand Wertschätzung vermittelt? Ich glaube nicht!

Ich bin der Meinung, dass das Bedürfnis nach Anerkennung eine angeborene Eigenschaft der menschlichen Spezies ist und sich nicht unterdrücken lässt, egal, ob Eltern ihre Kinder nicht loben. Sie gehört zu den Grundlagen des sozialen Miteinanders.

Die Autorin behauptet hingegen, seit sie mit dem (wertenden) Loben ihres Kindes aufgehört habe und stattdessen bewusst wertfrei wahrnehme und lediglich Beobachtungen wiedergäbe, würde ihr Kind keinerlei Bewertungen mehr einfordern. Ob dies tatsächlich so ist oder nur ihre persönliche Wahrnehmung, kann ich natürlich nicht beurteilen.

Aber soll das heißen, ihr Kind präsentiert ihr nicht mehr stolz ihre Bügelperlenbilder oder ihre Zeichnungen? Ist das denn erstrebenswert, dass unsere Kinder uns nicht mehr an ihren Erfolgserlebnissen teilhaben lassen?

Und selbst, wenn wir als Eltern unsere Kinder nicht loben, so sind sie in unserer Gesellschaft ja, wie bereits thematisiert, andauernd Lob „ausgesetzt“. Im Laufe ihres Lebens verbringen Kinder immer mehr Zeit mit anderen und immer weniger mit ihren Eltern. Dann lernen sie trotzdem, dass man für Verhalten, Eigenschaften und Dinge, die wertgeschätzt werden, gelobt wird und fragen sich bei den Taten, die nicht gelobt werden, ob sie vielleicht nicht gut ankamen. Bringt die ganze Mühe der nichtlobenden Eltern dann überhaupt etwas?

Kinder zu loben geschieht instinktiv

Ich habe das Gefühl, dass Kindern Anerkennung zuzusprechen und sie zu loben aus dem Bauch heraus geschieht. Selbst Menschen, die normalerweise mit Lob sehr zurückhaltend sind, loben Kinder unentwegt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass solch ein instinktives Verhalten falsch ist.

Meine Auffassung des oben genannten Buches von Po Bronson

Aus Interesse an dem Thema besorgte ich mir das anfangs genannte Buch von Po Bronson.

Er behauptet, dass wir mit unseren Instinkten so häufig falsch lägen, weil es gar keine „Instinkte“ gäbe. Es handle sich stets um erlerntes Verhalten. Das ist natürlich schwer zu beurteilen. Er nimmt hier eine Position in der klassischen – bis heute nicht gelösten - Diskussion der Pädagogik ein, ob Verhalten lediglich von außen geprägt oder dem Menschen bereits angeboren ist. Ich persönlich vertrete hier eher die Sichtweise, dass es sehr wohl angeborene Verhaltensweisen, also Instinkte, gibt.

Im Gegensatz zu der reißerischen Überschrift des hier kritisierten Blogartikels, schreibt Po Bronson allerdings nicht, dass man Lob grundsätzlich unterlassen solle, sondern lediglich, dass Lob kontraproduktiv sein könne.

Wie ich es interpretiere, geht es ihm, wie die Blogautorin zu Beginn ihres Artikels selbst auch schildert, lediglich darum, Kinder nicht für ihre „Eigenschaften“, sondern für ihre „Leistungen“ zu loben. In keiner Weise aber empfiehlt er, Kinder gar nicht mehr zu loben.

Außerdem sieht er es kritisch, wenn Eltern Misserfolge der Kinder ignorieren, nicht über Verbesserungsbedarf und Schwächen sprechen, sondern den Kindern stets fröhlich und unbeschwert entgegenträten, als sei jede noch so schlechte Leistung großartig.

Er führt ein Beispiel an: Kinder, deren Eltern nach einem misslungenen Test zu ihnen gesagt hatten, sie hätten sich nicht genug angestrengt, hätten daraufhin eine bessere Leistung erzielt als Kinder, deren vorangegangener Misserfolg von den Eltern einfach als nichtig abgetan worden sei.

Eine klare Botschaft, wie man es in Bezug auf das Loben seiner Kinder am besten handhaben sollte, konnte ich allerdings aus dem Buch von Po Bronson nicht herauslesen. Er stellt lediglich Verhaltensweisen in Frage und untermauert diese mit Studien.

Um ehrlich zu sein, kann ich auch dem Blogartikel nicht entnehmen, wovon die Autorin letztendlich genau abrät und was sie befürwortet. Die Ratschläge sind meiner Meinung nach voller Widersprüche. Soll man nun loben oder nicht? Manipulatives und unehrliches Lob sei nicht erlaubt. Aber generell schädige Lob ja dem Selbstvertrauen. Ist also überhaupt irgendwelches Lob in Ordnung? Dem Titel nach soll man Kinder nicht loben. Wie sollen Eltern nun verstehen, wie sie es „richtig“ machen? Dieser Artikel sorgt meiner Meinung nach lediglich für Verwirrung und unnötige Sorgen.

Was ich Eltern empfehle

Ich persönlich denke, dass hier wie so oft der gesunde Menschenverstand gefragt ist. Unsere Kinder anzulügen und ihnen vorzumachen, sie seien perfekte Menschen, ist sicher nicht sinnvoll. Aber seien wir mal ehrlich: Machen wir das wirklich?

Wir Eltern sollten uns hier nicht zu viele Gedanken machen, sondern unseren Kindern weiterhin nach unserem Bauchgefühl Lob zusprechen. Einen lohnenswerten Mehrwert dadurch, dass man jedes Wort erst einmal im Mund umdreht oder gar aus Angst einen „Erziehungsfehler“ zu begehen, gänzlich auf das Loben verzichtet, sehe ich persönlich nicht.

Im Übrigen bin ich generell eine Befürworterin einer gefühlsgeleiteten Erziehung, die auf unserer ureigenen Fähigkeit beruht, anderen Menschen mit Empathie und Verständnis zu begegnen. Wir Eltern sollten unserem Menschenverstand und ja, auch unserem Instinkt, in Sachen Erziehung ruhig etwas stärker vertrauen. Sind wir denn wirklich schon so weit, dass wir für den natürlichen Umgang mit unseren Kindern eine „Gebrauchsanleitung“ brauchen?

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9 comments:

Liebe Shani
Das ist ein interessantes Thema. Ich habe mir (auch beruflich) schon viel Gedanken über die Art und Weise wie man Kritik übt gemacht. Dort ist es klar, dass man nicht den Menschen an sich, sondern seine Handlungen bewerten soll. Das Loben so kritisch auseinanderzunehmen habe ich mir noch nie überlegt. Jeder freut sich doch über Lob! Auch ich freue mich über Lob, wenn ich zum Beispiel bei der Arbeit eine gute Leistung erbringe, auch wenn ich ja den Lohn dafür erhalte. Ein Lob macht Freude und motiviert. Dass man dabei eher Leistungen als die Persönlichkeit loben sollte, finde ich interessant. Im Beruf ist das fast Selbstverständlich. Es macht für mich auch bei Kindern insofern Sinn, dass man die Persönlichkeit eher ‘mitbekommen’ hat und die Leistung selber steuern kann. Lobt man die Leistungen, kann das Kind auch etwas daran ändern. Und ich kann mir vorstellen, dass das Lob von Leistungen zwischen Geschwistern zu weniger Neid oder Konflikten führt, als das Loben von Charaktereigenschaften: Zum Beispiel wenn eines sehr ordentlich ist und das andere vielleicht eher etwas chaotisch, denke ich mir, dass das Lob für das Aufräumen eines Zimmers beide eher positiv motiviert als das Loben ‘Toll, du bist so ordentlich’. Für das chaotischere Kind wäre das wie eine indirekte Kritik. Aber auch es ist in der Lage die Leistung ‘Zimmer aufräumen’ zu erbringen und auch ein Lob zu bekommen.
Was mir schon aufgefallen ist, ist dass Kinder zum Teil wirklich für alles gelobt werden. Ein paar Kritzel auf einem Blatt eines grösseren Kindes. Das halte ich für kontraproduktiv. Es sollen wirklich tolle Leistungen gelobt werden. Ob Loben manipulativ ist? Bis zu einem gewissen Grad sicher. Aber ist das nicht die ganze Erziehung? Man stellt zum Beispiel das Baby immer wieder auf seine Beinchen um es zu motivieren, selber zu stehen etc. – im weitesten Sinn ist dies auch Manipulation. Ich sehe es aber als Führung und Hilfestellung. Und so auch das Lob. Wenn das Kind Lob bekommt, weiss es, dass es etwas toll gemacht hat und kann selber entscheiden, dies zu wiederholen.
Und wie du auch geschrieben hast: Lob und Liebe sind zwei unterschiedliche Dinge!

Antworten

Hallo Alexandra,

danke für deine Gedanken zu dem Thema. Genau, man kann das Loben genauso gut bei Erwachsenen bzw. im Berufsleben analysieren. Ich finde Loben in jeder Lebenslage wichtig.

Herzliche Grüße

Shani

Antworten

Hallo Shani,
mir geht es ebenso wie dir. Über das Loben habe ich mir wirklich noch nie Gedanken gemacht, weil es eben so natürlich und von Herzen kommend passiert… das kann für mich gar nicht falsch sein. Und ich werde beim Loben bestimmt auch in Zukunft nicht darauf achten, wie genau ich das nun mache. Ich glaube solche Debatten sind es, die Kindererziehung oft so wahnsinnig anstrengend und “überkandidelt” machen. Für mich persönlich ist loben auch deshalb wichtig und schön, weil man ja Kinder einfach auch viel schimpft/zurechtweist/was verbietet etc. Da ist dann (viel) loben ein schöner Ausgleich. Die Verfasserin des Wunschkind-Blogs würde jetzt wahrscheinlich sagen, dass man lieber nicht soviel tadeln sollte, dann müsste man auch keinen Lobausgleich schaffen… ja, hm… würde mich auch nicht so recht überzeugen… und muss auch einfach sagen, ich bin da eher von der praktischen Seite, also wäre für mich im Alltag nicht wirklich umsetzbar bzw. so ein Typ Mutter bin ich nicht. Ich sage meinen Kindern oft, wenn mir was nicht passt (versuche so weit es geht den Meckertonfall zu vermeiden) und lobe sie auch viel. Ist vielleicht auch eine Temperamentsache? Also mein persönliches Ideal ist es nicht, eine derart ausgeglichene Mutter zu sein, die weder Lob noch Tadel braucht… keine Ahnung, ob es besser oder schlechter wäre… es würde einfach nicht zu mir passen.
Ich lese deinen Blog sehr gerne! Besonders die Raumaufteilung bei euch zuhause finde ich super und deine unaufgeregte Art mit vielen Kindern in einer kleinen Wohnung zu leben. Wie geht es dir dann in deiner Schwangerschaft und wann wird euer viertes Kind geboren werden? Magst du mal darüber bloggen?
Viele Grüße aus dem Süden!

Antworten

Hallo Lottissima,

ich sehe gerade, dass meine Antwort an dich gar nicht erscheint! Offenbar hatte ich nicht richtig gespeichert. Ich hatte dir eigentlich sofort zurück geschrieben. Tut mir leid!

Inzwischen ist mein viertes Baby schon geboren. Ich schreibe gerade einen Geburtsbericht, diesen veröffentliche ich am Freitag.

Ich freue mich, dass du gerne auf meinem Blog liest und wir in Sachen Loben gleicher Meinung sind! 🙂 Das stimmt, ich finde loben als Ausgleich zum Tadeln auch wichtig. Aber, genau, die Wunschkind-Bloggerin findet auch tadeln nicht in Ordnung.

Herzliche Grüße

Shani

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Na liebe Shani,heute ist der 24.07., ich hoffe sehr,dass du dein 4. Kind mittlerweile im Arm hälst und es euch allen gut geht. Und falls nicht,dann warte noch bis zum 26.- das werden nämlich nette Menschen 😅😉
Alles Liebe!

Antworten

Guten Abend
Ich bin eine sehr instinktive Mama, weil ich mir einfach denke, dass etwas so natürliches wie Kinder erziehen nicht so schwierig sein kann (Kinder erziehen ist einfach, nicht leicht aber unkompliziert 😉 ).
Ich habe auch schon verschiedene Artikel zum Thema ‘nicht loben’ gelesen, die mich zum nachdenken angeregt haben. Ich habe aber für mich entschlossen, dass es mir – wie du schreibst – zu kompliziert ist jedes meiner Komplimente auf die Waagschale zu legen. Ich bin grosszügig, auch mit loben. Es geht mir auch sehr gegen den Strich Kinder nur für ihre Leistungen zu loben, ich möchte ja gerade, dass sie wissen dass sie ok sind, völlig unabhängig von ihrer Leistung. Was ich mir nach einem der Artikeln aber angewöhnt habe ist sie auch mal nach dem Weg zum Endprodukt zu fragen: “Hast du Spass gehabt beim Zeichnen” “Wie hat es sich angefühlt da oben auf dem Baum zu sein” usw. als ‘nur’ “toll hast du das gemacht”.

Antworten

Hallo Nathalie,

ja, ein sehr guter Gedanke!! Gerade das Loben der Leistungen statt der Person könnte dazu führen, dass die Kinder das Gefühl haben, für Anerkennung eine Leistung vollbringen zu müssen.

Das mit der Frage nach dem Weg ist super! Ehrliches Interesse den Kindern entgegenzubringen ist für sie sicherlich Gold wert!

Herzliche Grüße

Shani

Antworten

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