Einfühlsame, hilfsbereite Kinder – Haben wir darauf Einfluss?

Ich ärgere mich immer wieder über den Egoismus und die Achtlosigkeit mancher Mitmenschen. Zum Beispiel in der Straßenbahn. Wenn ich mit meinen kleinen Kindern in die volle Straßenbahn steige, kommt oft keiner auf die Idee, für meine Kinder oder für mich mit einem Kind im Arm aufzustehen. Auch wenn ältere Leute zusteigen, müssen diese häufig weit durch die wackelige, fahrende Bahn laufen, bis sie einen Sitzplatz ergattern.

An der Supermarktkasse bin ich immer wieder fassungslos. Zahlreiche Kunden stehen in einer Schlange an einer Kasse. Gilt nicht eigentlich die Regel, dass derjenige, der am längsten wartet, als erstes dran kommt? Im Supermarkt handelt zumindest niemand nach dieser Regel. Sobald eine zweite Kasse geöffnet wird, stürzen sich diejenigen, die ganz hinten in der Schlange stehen oder sich noch gar nicht in einer Schlange befinden, als erstes an diese neu geöffnete Kasse.

Das sind lediglich zwei harmlose Beispiele aus dem Alltag. Man könnte noch viel weitreichendere und schlimmere Beispiele aufzählen. Führungskräfte, sie sich selbst bereichern, während sie ihren Mitarbeitern Hungerlöhne bezahlen. Menschen, die für Zigaretten werben, obwohl sie wissen, dass andere daran zu Grunde gehen … Es wird so oft nur an den eigenen Profit gedacht und das Leid anderer außer Acht gelassen.

Warum verhalten sich so viele Menschen egoistisch? Ich glaube doch eigentlich, dass wir alle als einfühlsame und liebevolle Wesen geboren werden. Haben wir Eltern Einfluss darauf, ob unsere Kinder ihr Mitgefühl bewahren oder ob sie sich zu eher egoistischen Menschen entwickeln?

Lob über unsere Tochter

In unserem jährlichen Elterngespräch im Kindergarten meiner ältesten Tochter lobte die Erzieherin unsere Tochter für ihre Hilfsbereitschaft und ihr Einfühlungsvermögen. Während andere Kinder sich dagegen wehren würden, den Tisch abzuräumen, täte sie es freiwillig. Sie biete auch oft ihre Hilfe an, noch ehe sie gefragt würde. Wenn ein Kind weine, sei sie die erste, die es tröste. Sie sei sehr respektvoll gegenüber den Erzieherinnen sowie den anderen Kindern.

Dieses Lob über meine Tochter war das schönste, das ich mir hätte vorstellen können und machte mich sehr glücklich und stolz. Kein sportliches, zeichnerisches oder musikalisches Talent ist in meinen Augen wichtiger, als diese Eigenschaften, die meine Tochter laut der Erzieherinnen auszeichnen.

Ich wünsche mir nichts mehr als liebevolle, großzügige und mitfühlende Kinder, die sich für Schwächere einsetzen und in der Lage sind, ihr Glück und ihren Wohlstand mit anderen zu teilen.

Ich denke, mit diesen Eigenschaften sind sie für das Leben und die Zukunft besser gewappnet als mit irgendeinem künstlerischen oder schulischen Talent. Denn wer andere Menschen achtet und mit Würde behandelt, ihnen hilft und sich für Gerechtigkeit einsetzt, der wird Liebe ernten. Und Liebe ist wichtiger für ein glückliches Leben als jegliches Geld oder materieller Reichtum. Was wünschen wir Eltern uns sehnlicher, als glückliche Kinder?

“Ein Mensch, der nur an sich selbst denkt, kommt im Leben nicht weit”
– Dale Carnegie – 

Kindern ein Vorbild sein

Sicherlich ist es nicht verkehrt, seinen Kindern Verhaltensweisen beizubringen, indem man ihnen erklärt, dass zum Beispiel alte Menschen schlecht stehen können und man ihnen deshalb Platz macht. (Natürlich nicht, solange die Kinder selber noch wackelig auf den Beinen und auf einen Sitzplatz angewiesen sind.) Oder dass man anderen das Essen zuerst schöpft, ehe man sich selbst den Teller füllt. Dass man für andere die Türe aufhält und sie vorausgehen lässt. Dass man um Dinge, die man gerne hätte, freundlich bittet und sich für alles, was man kriegt, bedankt. Dass alle Menschen gleichwertig sind, egal welcher Herkunft, welchen Beruf sie ausüben, welche Haarfarbe oder welche Figur sie haben.

Ich glaube, viel wichtiger ist es aber, den Kindern diese Verhaltensweisen vorzuleben. Wer selbst seine Bestellungen in Befehlston abgibt, muss sich nicht wundern, wenn seine Kinder ihre Wünsche auch nicht freundlich mit einem Bitte äußern. Wir Eltern sollten darauf achten, ob unser Verhalten so ist, wie wir es uns von unseren Kindern wünschen. Hiermit meine ich sowohl unser Verhalten mit Außenstehenden als auch mit unseren Kindern selbst. Gehen wir mit unseren Kindern so liebevoll und hilfsbereit um, wie sie mit anderen umgehen sollen?

Eltern, deren eigenes Wohl immer an erster Stelle steht ohne Rücksicht auf andere, ziehen wahrscheinlich auch egoistische Kinder heran.

Egoistische Mutter, egoistische Kinder – ein Beispiel

Vor anderthalb Jahren kam ich auf einer Geburtstagsfeier in der Schweiz mit einem fünfzigjährigen Mann ins Gespräch. Er lebte seit einiger Zeit getrennt von seiner Frau und seinen vier jugendlichen Kindern. Da ich selbst noch unschlüssig war, ob ich wirklich ein viertes Kind wollte, wollte ich von ihm wissen, wie er es mit seinen vier Kindern erlebte. Er klang nicht sehr begeistert. Natürlich sagte er, dass er seine Kinder über alles liebe und sich nicht vorstellen könne, dass es eines davon nicht gäbe. Einfach sei es allerdings nicht. Die Kinder würden wachsen und deren Ansprüche auch. Sie hätten überhaupt kein Verständnis, wenn es finanziell eng wäre. Sie würden fluchen, dass ihnen das Haus doch egal sei, mit dem die Eltern sich verschuldet hätten. Sie bestünden auf die Erfüllung all ihrer Wünsche.

Später erzählte der vierfache Familienvater von seiner Exfrau, die ihm das Leben zur Hölle mache. Sie weigere sich zu arbeiten, obwohl die Kinder alle groß seien und sie kerngesund sei. Da sie so viele Jahre nicht gearbeitet hatte, hätte sie Anspruch, ihren Lebensstandard so zu halten wie bisher und sei nicht verpflichtet, selbst Geld dazu zu verdienen. Er müsste also sowohl für den gesamten Lebensunterhalt seiner Frau als auch seiner vier Kinder aufkommen. Für seine eigenen Bedürfnisse bliebe nicht mehr viel übrig. Er sei froh, dass er überhaupt die Miete seiner kleinen Wohnung bezahlen könne.

Wen wundert es jetzt noch, bei so einer Mutter als Vorbild, dass die Kinder sich nur für ihre eigenen Bedürfnisse interessieren?

Eine gegensätzliche Erfahrung

Zum Glück klinkte sich noch eine Frau in unser Gespräch ein, die uns zugehört hatte. Sie war auch alleinerziehend, hatte vier leibliche Kinder und drei Pflegekinder, auch alle bereits jugendlich. Sie sagte, es gäbe nichts Schöneres, als viele Kinder zu haben. Alle würden mit anpacken und für einander einstehen. Obwohl sie überhaupt keinen Unterhalt von ihrem Exmann bekäme, würden sie finanziell zurechtkommen. Ihre Kinder würden jobben und sich ihr Taschengeld selbst verdienen. Computer für die Kinder hätte sie sich gebrauchte zugelegt, das würde für deren Bedürfnisse reichen.

Sie forderte also nicht einfach nur Geld von ihrem Exmann, sondern sorgte selbst für ihren Lebensunterhalt. Sie lebte ihren Kindern vor, dass man selbst für sein Glück verantwortlich ist. Die Kinder handelten nach diesem Vorbild und packten ebenso mit an, um ihre Bedürfnisse selbst zu erfüllen, anstatt nur Forderungen zu stellen.

Vielleicht ist es nicht angemessen von mir, zu glauben, ich könne nach diesen kurzen Unterhaltungen mit den erwähnten Personen eine Analyse aufstellen. Dennoch bin ich mir ganz sicher, dass wir in erster Linie mit unserem eigenen Tun und Handeln Einfluss darauf nehmen, wie unsere Kinder sich entwickeln.

Ein rührender Dialog mit meinen Kindern

Meine mittlere, vierjährige Tochter telefonierte letzte Woche mit meiner Großmutter aus Argentinien. Meine Großmutter erzählte ihr, wie viele Geschenke sie für sie gekauft habe. Da sagte meine Tochter: „Ich brauche keine Geschenke mehr. Ich habe schon so viele Spielsachen!“ Sie übergab das Telefon an ihre große, sechsjährige Schwester. Diese erklärte meiner Großmutter, dass wir schon so viele Spielsachen hätten, dass wir gar nicht mehr wüssten, wo man sie alle versorgen solle.

Meine Oma erwiderte: „Dann sag mal deinem Papa, dass ihr in eine größere Wohnung umziehen müsst, damit ihr mehr Platz für Spielsachen habt!“ Meine große Tochter antwortete: „Nein, das werden wir nicht tun! Unsere Wohnung reicht uns aus!“ Meine Großmutter wollte daraufhin wissen, was sie denn mit all den Spielsachen machen solle, die sie gekauft habe. Darauf antwortete meine Tochter: „Schenk sie den armen Kindern! Die haben gar nichts zum Spielen! Sie haben nur ein paar Kuscheltiere, die wir ihnen geschickt haben!“

Meine Großmutter traute ihren Ohren nicht und mir selbst kamen Tränen der Rührung. Natürlich äußern auch meine Kinder oft Wünsche, wenn sie in einem Geschäft oder bei anderen Kindern tolle Spielsachen sehen. Und sie mögen es auch, beschenkt zu werden. Aber im Grunde beobachte ich schon eine innere Zufriedenheit und die Bereitschaft, etwas abzugeben (zumindest an Außenstehende – unter den Geschwistern kommt es natürlich, wie in allen Familien, häufig zu Streitereien). Ihre geäußerten materiellen Wünsche, die nur sehr selten erfüllt werden, vergessen sie meist sehr schnell wieder.

Meine Kinder gaben meine Haltung wieder

Dieser Dialog kam sicherlich zustande, weil die Kinder meine Haltung widerspiegeln. Was sie meiner Großmutter antworteten, hätten meine Worte sein können. Ich selbst bin überhaupt kein Konsummensch. Ich schaue mir nie Kataloge an und gehe praktisch nur in Einkaufsgeschäfte, wenn ich etwas Konkretes benötige. Gerade in der Vorwoche hatten wir Spielsachen aussortiert und zum dritten Mal ein Paket mit Kuscheltieren an eine Hilfsorganisation verschickt.

Keine Garantie für die Zukunft

Ob unsere Kinder als Jugendliche bzw. Erwachsene weiterhin so hilfsbereit und genügsam sein werden, ist natürlich noch nicht absehbar. Sicher orientieren sie sich, je größer sie werden, immer mehr an Freunden und dem Rest der Gesellschaft. Aber ich glaube dennoch, dass wir Eltern als Vorbild von klein auf die Einstellung unserer Kinder prägen und ein Stück weit auch beeinflussen können, in welche Kreise sie sich überhaupt begeben.

So hoffe ich zumindest! Wer weiß, was noch alles auf uns zukommt …

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