zu viel stillen verzogen

Durch zu viel Stillen und Tragen verzogen?

Meine erste Tochter weinte in den ersten Monaten sehr viel. Die ersten zwei Wochen ließ sie sich noch oft ablegen, aber nach zwei Wochen wurde sie sehr unruhig und weinte immer, wenn ich versuchte, sie ins Bett zu legen. Zu diesem Zeitpunkt waren wir zur Kontrolle beim Kinderarzt. Unsere Tochter schrie, während sie auf der Wickelauflage vom Kinderarzt untersucht wurde. Als ich sie daraufhin wieder auf meinen Arm nahm und sie sich augenblicklich beruhigte, sagte der Kinderarzt wortwörtlich, wir hätten sie bereits verzogen. Wir müssten sie öfters liegen lassen, egal ob sie weine oder nicht. Ich sollte sie auch nicht zu viel stillen. Höchstens alle drei Stunden. Dazwischen müsste ich sie anders beruhigen oder weinen lassen.

Ich war völlig verunsichert

Da ich meine Tochter instinktiv tatsächlich immer hochnahm, wenn sie weinte und auch sehr häufig stillte, ließ ich mich von der Aussage des Arztes vollkommen verunsichern. Ich holte mir Rat bei einer mir nahe stehenden Person, die allerdings damals auch noch der Meinung war, man sollte ein Kind nicht zu häufig stillen und mir nicht den erwünschten Rat gab, der mein Bauchgefühl bestärkt hätte. Ich versuchte an diesem Tag, meine Tochter seltener zu tragen und zu stillen, aber es fiel mir sehr schwer. Sie weinte sehr viel und ich gleich mit ihr. Das fühlte sich für mich einfach nicht richtig an.

Meine Hebamme war zum Glück anderer Meinung

Ich rief meine Hebamme an und sie sah das zum Glück anders als der Kinderarzt. Sie sagte, man könne ein Baby nicht verwöhnen und ich solle meine Tochter ruhig weiterhin immer stillen oder tragen, wenn sie weine. Ich könne sie auch zuhause in das Tragetuch nehmen. Das taten wir dann und ersetzten nach kurzem das Tragetuch durch die Manduca, da diese für uns leichter zu handhaben war.

Ich trug mein Baby fast nur noch an meinem Körper

Nun hatte ich das Gefühl, es mit meinem Baby im Griff zu haben. Ich trug es fast nur noch an mir. Sowohl unterwegs, als auch zuhause. Den Kinderwagen akzeptierte unsere Tochter auch nicht, sie schrie darin wie am Spieß. Ich sah im Gebrauch des Kinderwagens inzwischen sowieso keinen Vorteil mehr. Mit dem Tragen hatte ich bereits Übung und fühlte mich flexibel.

Während ich sie trug, musste ich mich gleichzeitig bewegen, damit meine Tochter sich wohl fühlte. Sie mochte es, wenn ich lief oder wenn ich wippte, indem ich in schnellem Rhythmus in die Knie ging. Stillstand ging nur, wenn sie bereits tief eingeschlafen war.

Erneute Kritik und Verunsicherung

Nach wenigen Monaten erhielt ich erneut Kritik für meinen Umgang mit unserem Baby. Mir wurde empfohlen, meine Tochter nicht weiter zu tragen und zu schuckeln, dies sei sicher nicht gut für ihren Rücken und würde sie nur noch mehr aufdrehen anstatt zu beruhigen. Diese Kritik, geäußert von einem Arzt aus unserem engsten Umfeld, der anhand weniger Momentaufnahmen bei einem kurzen Besuch glaubte, dies beurteilen zu können, verunsicherte mich abermals. Ich dachte, ich hätte meinem Kind geschadet und versuchte wieder einen Tag lang, es nicht zu tragen, was aber erneut in einem einzigen Frust endete.

Bestärkung dank großartiger Literatur

Nun bestellte ich mir jede Menge Literatur und begann zu lesen. Ich fand unzählige Bücher, die mich in meinem instinktiven Umgang bestärkten. Zahlreiche Studien und Vergleiche mit Menschenaffen belegen, dass nach Bedarf gestillte und viel getragene Kinder weniger weinen, besser gedeihen und im erwachsenen Alter seltener an Depressionen leiden. Man kann ein Baby nicht zu viel stillen oder tragen.

Besonders bestärkte mich das Buch „Ich will bei euch schlafen!“ von Sibylle Lüpold. Auch die Bücher „Schlafen und Wachen“ von William Sears, „Kinder verstehen“ von Herbert Renz-Polster sowie „In Liebe wachsen“ von Carlos González halfen mir sehr, mein Selbstvertrauen zu festigen.

Auf das Bauchgefühl hören

Bei so viel Kritik und Verunsicherung, der Erstlingsmütter ausgesetzt sind, wie sollen Eltern es da noch schaffen, ihrem Bauchgefühl zu folgen? Obwohl ich eigentlich nichts über Kindererziehung hatte lesen wollen, sondern mir vorgenommen hatte, nach meinen Instinkten zu handeln, war es letztlich die Literatur, die mich darin bestärkte, weiterhin auf mein Bauchgefühl zu hören.

Stillabstände von drei Stunden, wie mein Kinderarzt sie mir empfohlen hatte, hätten meiner inneren Stimme völlig widersprochen. Haben die Urmenschen etwa auf die Uhr geschaut beim Stillen? Haben sie in ihren Höhlen ein schreiendes Baby einfach liegen lassen? Dann wäre es doch von Wölfen gefressen worden. Auf meinen Instinkt, ein schreiendes Baby hochzunehmen, zu tragen oder zu stillen, konnte ich mich sicher verlassen, davon war ich jetzt überzeugt.

Ich ließ meine Babys in den ersten drei Monaten also nie liegen, wenn sie schrien, sondern trug sie fast ununterbrochen an meinem Körper. Dennoch konnte ich sie ab dem vierten oder spätestens fünften Monat oft auf den Boden legen oder in die Wippe setzen. Die Gefahr, dass das Baby für „immer“ nur noch getragen werden will, wenn man es nicht früh genug erzieht, sehe ich nicht. Und so ein neugeborenes Baby wiegt noch so wenig! Ich hatte nie Rückenprobleme durch das Tragen. Wenn mein Baby viele Stunden in der Trage war, bekam ich zwar schon manchmal Schmerzen im Nacken, diese hörten aber augenblicklich auf, sobald ich das Kind aus der Tragehilfe entfernte.

Auf dem Rücken trägt es sich leichter

Ich begann nach wenigen Monaten, mein Kind nur noch auf dem Rücken zu tragen, was deutlich angenehmer war. Sogar als ich hochschwanger und meine erste Tochter bereits über zwei Jahre alt war, trug ich sie unterwegs noch auf dem Rücken. Durch das regelmäßige Tragen passte sich meine Rückenmuskulatur wie bei einem Training dem steigenden Gewicht des Kindes an. Ich konnte mir damals gar nicht vorstellen, auch mit einem Kinderwagen zurecht zu kommen.

Erst, als das zweite Baby geboren war, und ich dieses am Bauch trug, kam meine Große in den Buggy und natürlich gewöhnte ich mich auch an den Buggy sehr schnell und könnte es mir inzwischen auch ohne diesen nicht mehr vorstellen.

Wenn ich alleine mit den zwei Kindern mit dem Zug unterwegs von München in die Schweiz war, verzichtete ich allerdings auf den Buggy und trug beide Kinder gleichzeitig mit zwei Manducas. Die Kleine am Bauch und die Große auf dem Rücken, die Handtasche an der Seite und den Koffer (mit Rädern) in der Hand. So benötigte ich keine Hilfe beim Umsteigen und war nicht auf den Fahrstuhl angewiesen. Für den Umstieg hatte ich nämlich jeweils nur sieben Minuten Zeit und musste dazu das Gleis wechseln.

Meine zweite Tochter trug ich nur bis sie 16 Monate alt war. Ich war dann wieder schwanger und hatte Schmerzen im Unterleib beim Tragen. Sie saß dann genauso gerne im Buggy. Die große Schwester kam nun aufs Kiddyboard.

Meine dritte Tochter hörte ich auch bereits mit anderthalb Jahren auf zu tragen, obwohl ich noch nicht wieder schwanger war. Sie steckte auf meinem Rücken immer ihren Kopf an der Seite raus, weil sie offensichtlich mehr sehen wollte. Im Buggy war sie zufriedener. Ich war nicht unglücklich darüber, da es ein sehr heißer Sommer war und sie mich auf dem Rücken noch zusätzlich beheizte.

Keine generelle Ablehnung von Kinderwägen

Ich bin also nicht grundsätzlich gegen den Gebrauch des Kinderwagens. Aber dass ein Baby in den ersten Monaten ganz besonders viel körperliche Nähe braucht, davon bin ich sehr überzeugt. Wenn es auch gerne im Kinderwagen liegt und man das als Eltern angenehmer findet, kann man dem Baby die Nähe sicher auch in anderen Momenten geben als unterwegs beim Tragen. Ein Baby, welches im Wagen nur schreit, dennoch immer wieder darin auszuführen, könnte ich persönlich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Das Baby soll ja auf diese Weise lernen, dass seine Hilferufe nutzlos sind. Ich glaube nicht, dass das sein Selbst- bzw. Urvertrauen stärkt und gut ist für seine psychische Entwicklung.

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht wie ich? Konntet ihr auf euer Bauchgefühl hören?

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6 comments:

Hallo Shani,
ich wechsele auch zwischen Kinderwagen und Trage. Meine Kleine war nach der Geburt ein Leichtgewicht. Ich wollte sie so gerne in meine Ergobaby setzen, aber da durfte sie ja erst ab 3200g rein (mit dem Neugeboreneneinsatz). Meine Hebamme meinte dann, ich solle warten, bis meine Tochter 3500g wiegt, sie sei so zart… Bis dahin war sie auch relativ zufrieden im Kinderwagen. Hauptsächlich trage ich sie, gestern saß sie das erste mal im Buggy und fand es spannend, man kann ja alles sehen! Aber als der Weg so holprig wurde, wollte sie dann doch auf meinen Arm. Ich finde es sehr schade, dass das Tragen eine Sache ist, die eine Mutter oder ein Vater erst lernt, wenn es zu spät ist. Es wäre so viel einfacher, wenn das Tragen lernen (wie auch das Stillen) so normal für uns wäre wie Fahrradfahren lernen. Trageberatungen kosten Geld und Nerven und das Üben mit dem Tragetuch ist alles andere als leicht! Meine Mutter hat meinen kleinen Bruder vor 17 Jahren getragen. Leider hat sie alles vergessen. Es ist ebenso nicht leicht, Freunde oder Bekannte zu finden, die einem helfen können. Zum Glück organisieren manche Trageberaterinnen offene Treffs, die auch nur einen kleinen Unkostenbeitrag kosten!
Ich bin auch nicht gegen Kinderwägen. Jedoch mag ich das Tragen sehr, obwohl es manchmal anstrengend ist. Wenn das Baby es mag, bin ich auch dankbar, wenn es im Kinderwagen oder Buggy glücklich ist! Je nachdem, wohin man geht, was man mitnimmt und wie lange man unterwegs ist!

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Hallo Sabi,

ich trug unsere erste Tochter im ersten Monat im Tragetuch. Dann bestellten wir die Manduca und davon benutze ich derzeit bereits das dritte Exemplar, weil die alten so abgenutzt waren. (Das dritte hat mir der Hersteller geschenkt, nachdem ich freundlich um einen Preisnachlass gebeten hatte. ;-))

Ich habe nie eine Trageberatung besucht. Wer weiß, ob ich alles optimal gemacht habe. Ich machte es einfach nach der beigefügten Anleitung. Das Kind auf den Rücken zu “schmeißen” übte ich anfangs über dem Bett. Spätestens ab dem zweiten Kind verlor ich jegliche Angst und es ging immer und überall ganz schnell.

Ich freue mich, wenn du meinen Blog weiter besuchst. Du kannst ihn gerne abonnieren, dann bekommst du immer eine Mail, wenn ich einen neuen Beitrag verfasst habe.

Viele liebe Grüße

Shani

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Liebe Shani, ich bin gerade über Google auf deinem Blog gestoßen 🙂 ich bin 24 Jahre alt (mein Sohn Lian ist 3 Monate und mein erstes Kind) und ich bin momentan ziemlich verzweifelt :/ wir hatten die ersten Wochen arg mit Koliken zu kämpfen und so bekam ich von einer Freundin ein Tragetuch geschenkt. Nun war unser Alltag leichter und Lian schlief tagsüber viel besser im Tuch. Und auch das Stillen klappt jetzt ohne Stillhütchen nach anfänglichen Problemen. Ich lege ihn tagsüber oft an, wenn er Nähe braucht oder Hunger hat, oder für ein gemeinsames Schläfchen 🙂 Allerdings mag unser Kleiner weder den Kinderwagen noch den Maxi cosi. Deshalb trage auch ich sehr gerne und oft. Tagsüber liegt er gern mal unter’m Spielebogen oder auch mal kurz in seiner Wippe. Diese Zeit nutze ich zum duschen oder aufräumen. Viele (überwiegend ältere Mütter ab ca. 40 Jahren) aus meinem familiären oder bekannten Umkreis sprechen mich jedoch darauf an und meinen ich hätte Lian verzogen und er sei verwöhnt. Meine Tanten kommen mir mit schrecklichen Ratschlägen und meinen ich solle ihn mal schreien lassen, denn das sei gut für die Lungen. Die üblichen veralteten Tipps eben 😉 jedoch bricht es mir das Herz wenn er bitterlich weint und ich dabei zu sehen soll. Das kann und will ich nicht. Langsam zweifle ich selber an mir und weiß nicht mehr wie ich über so viel Kritik drüber stehen soll. Hast du einen Tipp wie ich damit am besten umgehen kann ? Welche Antworten kann ich geben ohne eingeschnappt oder stur rüber zu kommen ? Ich hoffe du hast mir einen guten Rat 🙂

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Liebe Lisa,

ich freue mich, dass du auf meinen Blog gestoßen bist und danke dir herzlich für deine Nachricht!

Ich kann dich in deinem Umgang mit deinem Sohn nur bestärken. Du machst alles richtig, zweifle bloß nicht an dir!

Dass dein Sohn immer getragen werden will, liegt sicher nicht daran, dass du ihn daran gewöhnt hast. Wie du es ja selbst schilderst, hast du – genau wie ich damals bei meiner Tochter – damit angefangen, weil er bereits unruhig war und es eine Lösung darstellte, um deinen Alltag mit ihm zu erleichtern.

Wichtig ist, dass du dich nicht mehr verunsichern lässt, sondern dir Selbstvertrauen zulegst. Vielleicht liest du noch ein Buch dazu. (Siehe meine Empfehlungen im Artikel.) Das verschafft dir Sicherheit und diese strahlst du dann gegenüber Außenstehenden aus. Sie merken, dass du bewusst mit deinem Baby so umgehst und nicht, weil du es “nicht besser weißt”.

Wenn solche Kommentare kommen, von wegen, du hättest dein Baby verzogen oder du solltest es mal schreien lassen, dann antworte ehrlich, dass du das nicht gut fändest. Ein Kind muss das sogenannte “Urvertrauen” aufbauen und das tut es, wenn immer zuverlässig auf seine Bedürfnisse reagiert wird. Studien belegen, dass Menschen, die als Säuglinge viel getragen und gestillt wurden, später seltener an Depressionen leiden.

Dein Baby braucht einen sicheren Hafen. Es muss wissen und spüren, dass es bei dir geschützt und geborgen ist, dass es immer auf dich zählen kann. Und wenn es so weit ist, wird es sich ganz von selbst von dir lösen.

Aber glaube mir, es dauert nur noch wenige Wochen, dann wird es viel, viel einfacher. Die ersten drei bis vier Monate sind am schwierigsten. Manche gehen davon aus, dass unsere Menschenbabys drei Monate zu früh zur Welt kommen (weil wir Frauen sie sonst nicht mehr gebären könnten) und dass sie deshalb in diesen drei Monaten noch nicht für die Welt da draußen bereit sind. Mit drei bis vier Monaten sind sie auf einmal viel wacher und aktiver, der Blick verändert sich, sie weinen viel weniger und lassen sich häufiger ablegen. Bis dahin ist ein Umgang, der der Schwangerschaft möglichst nahe kommt, definitiv am sinnvollsten. Also die Bedürfnisse sofort und zuverlässig erfüllen – dazu gehört viel tragen und stillen nach Bedarf.

Schon bald wird Lian also viel ausgeglichener sein und die Kommentare von außen werden weniger oder ganz aufhören. Wahrscheinlich kriegst du dann sogar zu hören, du hättest ja doch alles richtig gemacht. 🙂 Und beim zweiten Kind bleiben dir solche Ratschläge erspart. Die Leute sehen dann, dass dein Sohn sich wunderbar entwickelt hat und dass der Umgang auf deine Weise offenbar auch ganz gut funktioniert.

Wie ich auch in meinem Artikel schreibe, hat die Natur sicher nicht vorgesehen, ein Baby im Kinderwagen zu schieben, schreiend liegen zu lassen oder nach Zeitplan zu stillen. So wie du es machst, ist es vollkommen natürlich und wurde es zu Urzeiten ganz sicher auch gehandhabt. Sonst hätten die Menschen sich gar nicht vermehrt, weil die liegen gelassenen schreienden Babys alle von Wölfen und Bären gefressen worden wären. 😉

Ich hoffe, ich konnte dich ein bisschen aufmuntern und wünsche dir viel Mut und Zuversicht für die nächsten Wochen und Monate.

Liebe Grüße

Shani

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