Veganismus Beweggründe Argumente

Unser Weg zum Veganismus

Erst seit gut zwei Jahren koche ich kein Fleisch mehr, ansonsten stand aber erstmal noch alles auf unserem Speiseplan. Meine Entscheidung, das Fleisch wegzulassen, kam sehr spontan und ohne viele Gedanken um das Thema. Mein Mann war, wie jedes Jahr, für zwei Wochen in Haiti. Anstatt wie sonst in diesen zwei Wochen zur Familie zu fahren, blieb ich schwanger mit meinen bislang zwei Kindern zuhause. Da mein Mann nicht mitaß, kochte ich weniger aufwendig und ohne darüber großartig nachzudenken, machte ich kein Fleisch. Nach einigen Tagen fiel mir auf, dass wir kein Fleisch aßen und wir es überhaupt nicht vermissten. Warum aßen wir denn überhaupt Fleisch, wenn es auch problemlos ohne ging? Noch ehe mein Mann zurückkehrte, besuchte uns für ein paar Tage mein Bruder, überzeugter Vegetarier mit Hang zum Veganismus. Ich hatte mich noch nie dafür interessiert, weshalb er Vegetarier war. Auch bei meinen vegetarischen Freundinnen hatte ich nie nachgefragt, warum sie kein Fleisch aßen. Ich dachte einfach, sie hätten Tiere besonders lieb. Jetzt dachte ich selbst darüber nach, das Fleisch wegzulassen und thematisierte den Vegetarismus zum ersten Mal gegenüber meinem Bruder.

Ist vegan nicht extrem?

Ich fragte meinen Bruder, ob „vegan“ nicht extrem sei. Er fragte mich zurück, ob es nicht extrem sei, Tiere auf engem Raum zu halten, zu misshandeln und abzuschlachten, ob es nicht extrem sei, Kühen die jungen Kälber wegzunehmen und alle männliche Küken zu schreddern, weil sie keine Eier legen würden. Ich wusste nicht mehr, was ich antworten sollte, außer, dass er recht hatte. Zufälligerweise kam am Abend eine Dokumentation mit dem Namen „Nie wieder Fleisch essen.“ Da ich nun sowieso schon vorhatte, kein Fleisch mehr zu essen, traute ich mich, diese Dokumentation mit meinem Bruder anzusehen. Es wurde gezeigt, wie Schweine üblicherweise in Deutschland gehalten werden und vieles mehr. Es war grauenvoll und bestärkte mich in meinem Entschluss, das Fleisch von meinem Speiseplan zu streichen. Ich war sehr nervös. Ich wusste ja nicht, was das bedeuten würde, nicht mehr überall alles mitessen zu können.

Ich wollte es erstmal ohne Fleisch probieren

Ich hielt mir ein Hintertürchen offen, indem ich lediglich verkündete, ich würde es „mal ohne Fleisch probieren“. Als mein Mann zurückkam, traute ich mich nicht, ihm von meinem Plan, das Fleisch wegzulassen, zu erzählen. Ich hatte Angst vor einer negativen Reaktion. Ich versuchte, ganz vielseitig zu kochen, möglichst neue Rezepte, die er noch nicht kannte, um zu vermeiden, dass er sich beklagen würde. Seine täglichen Brote für die Arbeit belegte ich ihm nur noch mit Käse, ohne Schinken und Salami. Dafür legte ich noch Gurken und Tomaten darauf. Nach ein paar Tagen fragte er mich, ob es jetzt nie wieder meine selbstpanierten Schnitzel gäbe, ob es nie wieder meinen leckeren Curryreis mit Hähnchen gäbe. Ich sagte ihm, dass ich eigentlich nicht vorhätte, wieder Fleisch zu kochen. Aber wenn er mich ausdrücklich darum bitte, würde ich für ihn Schinken und Salami kaufen oder auch sonstiges Fleisch. Aber er müsste es bestellen. Das tat er nie. Er aß auf seiner Arbeit widerstandslos die vegetarischen Sandwiches. Etwa ein halbes Jahr lang kaufte er sich alle paar Wochen selbst ein Stück Fleisch oder einen Fisch und bereitete diesen selbst zu. Aber mit der Zeit wurde es seltener und irgendwann dachte er wohl gar nicht mehr daran, dass irgendetwas fehlte. Unseren Kindern sagte ich ehrlich, warum ich kein Fleisch mehr aß. Dass es mir leid täte um die Tiere. Ich ließ sie aber dennoch überall alles essen. Häufig lehnte die älteste das Fleisch auch ab und sagte, sie sei Vegetarierin. Aber manchmal konnte sie auch nicht widerstehen.

„Solange Menschen denken, dass Tiere nicht fühlen, müssen Tiere fühlen, dass Menschen nicht denken.“
– Indianische Weisheit –

Warum jetzt vegan?

Nach einem Jahr als Vegetarierin stießen mein Mann und ich bei Netflix auf die Dokumentation „Cowspiracy“. Ich dachte, da wir ja Vegetarier seien, könnten wir uns so einen Film guten Gewissens ansehen. Mein Mann fragte noch, ob das so eine gute Idee sei. Sonst wolle ich womöglich noch vegan werden. Dass genau das eintreffen würde, damit rechnete ich nicht.

Ich erfuhr in dieser Dokumentation Dinge, von denen ich nie etwas gehört hatte und über die ich niemals nachgedacht hatte. Zum Beispiel darüber, wie viel Wasser und Futter eine Kuh benötigt, um Milch oder Fleisch zu liefern. Dass der größte Teil der Regenwälder dazu gerodet wird, Landflächen für die Futtermittel für unsere Nutztiere zu schaffen. Regenwälder könnten wieder nachwachsen, wenn wir alle aufhören würden, Fleisch und Milch zu konsumieren.

Menschen verhungern, weil wir lieber unsere Nutztiere füttern

Würden wir Menschen keine tierischen Produkte mehr konsumieren und unser Getreide und Gemüse nicht an Nutztiere verfüttern, so würde die Nahrung auf dieser Welt problemlos für die gesamte Menschheit reichen. Und das ist nicht abstrakt, denn das Getreide für die Nutztiere wird tatsächlich auch in Ländern angebaut, in denen Menschen verhungern. Aber da wir mehr dafür bezahlen können als die Bewohner, verkaufen die Bauern das Getreide lieber an uns als an ihre eigenen Landsleute und lassen Kinder vor ihren Augen verhungern!

Ich dachte mir, warum tut niemand etwas? Warum wird das alles einfach akzeptiert? Die Politik muss etwas dagegen tun! Aber konnte ich das erwarten, solange ich selbst den hungernden Menschen ihre Nahrungsgrundlage stahl und weiter tierische Produkte konsumierte?

Der Hunger auf der Welt hatte mich schon seit meiner Jugend bedrückt. Wir spenden schon lange regelmäßig Geld für Arme und haben ein eigenes Hilfsprojekt in Haiti. Ich dachte, wir würden Gutes tun für die Welt und die Menschheit. Aber mit unserem Konsum von tierischen Produkten trugen wir zum Verhungern von täglich tausender Kinder bei. Ich brach in Tränen aus, als ich das realisierte.

Die Nutztierhaltung ist maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich

Außerdem erfuhr ich, dass die Nutztiere mit ihren Blähungen und den dadurch erzeugten Gasen den Klimawandel stärker vorantreiben als der gesamte weltweite Verkehr von Flugzeugen, Booten und Autos. Auch der Klimawandel war ein Thema, das mich schon lange belastet hatte. Ich benutzte möglichst selten unser Auto und wir bezogen unseren Strom schon lange vor der Energiewende bei einem Ökostromanbieter. Gerade in diesen Tagen wurde ein Klimaabkommen verhandelt und ich hatte viel Hoffnung hineingesteckt. Aber von der Reduktion der Fleischproduktion war in diesem Klimaabkommen nicht die Rede.

Ich stand unter Schock

Ich weiß nicht, ob ich bis dahin hinter dem Mond gelebt hatte, dass ich von all dem nicht schon vorher gehört hatte. Aber ich stand unter Schock. Ich weinte fürchterlich und für mich war klar, dass ich so wie bisher nicht mehr weitermachen konnte. Mit dieser Schuld konnte ich nicht leben. Und vegan zu werden, während meine Kinder weiterlebten wie bisher, das fühlte sich für mich nicht besser an. Denn unseren Kindern wollte ich diese Schuld nicht aufbürden. Abgesehen davon können unsere Kinder für das, was sie essen, keine Schuld tragen. Wir als Eltern tragen auch dafür die Verantwortung. Wenn sie aber bereits ohne Fleisch, Milch, Käse und Eier aufwachsen würden, würden sie auch nie das Gefühl haben, auf etwas verzichten und etwas weglassen zu müssen, woran sie sich ihr Leben lang gewöhnt hatten.

Falsche Vorstellung von veganer Ernährung

Mein Mann war im ersten Moment überhaupt nicht angetan. Er sagte, er habe schon einmal etwas Veganes gegessen und das habe überhaupt nicht geschmeckt. Außerdem machte er sich Sorgen um die Gesundheit unserer Kinder. Es war das erste Mal in unseren elf Jahren als Paar, dass wir über mehrere Tage heftig stritten. Wir beide hatten eine völlig verkehrte Vorstellung von einer veganen Ernährung. Wir stellten uns diesen Einschnitt viel größer vor. Ich war bereit, dieses Opfer zu bringen, mein Mann tat sich schwer mit dem Gedanken. Uns war gar nicht klar, wie viele Lebensmittel sowieso schon vegan waren. Oder wie viele Ersatzprodukte es bereits gab. Wir dachten zum Beispiel, wir könnten keine Nudeln mehr essen. Dabei sind die klassischen italienischen Nudeln vegan. Wir dachten, es gäbe nie wieder Schokolade, Kekse oder Kuchen. Dass es das alles auch vegan gibt oder sehr leicht backen lässt, war uns nicht bekannt.

Wir informierten uns intensiv

Ich begann, mich ausgiebig über die Thematik zu informieren und stellte fest, dass mein Repertoire an Menüs schon ausgewogen genug war. Da ich bereits vegetarisch kochte, war die Umstellung nämlich nicht mehr groß. Ich konnte die selben Menüs weiterkochen. Für Sahne gibt es zahlreiche Ersatzprodukte. Käse ersetzte ich durch diverse weiße Saucen.

Lediglich das Vitamin B12 würden wir alle als Nahrungsergänzung einnehmen müssen. Dies liegt aber nicht daran, dass eine vegane Ernährung unnatürlich wäre. Im Gegenteil, ein Großteil der Menschheit lebt vegan und in vielen Phasen der Menschheitsgeschichte lebten Menschen vegan. B12 wäre aus pflanzlichen Lebensmitteln auch zu bekommen, wären unsere Böden nicht so ausgelaugt und hygienisch. In Walderde oder Algen wäre das B12 aber auch heute noch vorhanden. Am sichersten fährt man, wenn man es supplementiert und das tun wir mit einem ganz gewöhnlichen Vitaminpräparat von Edeka. Wer jetzt argumentiert, dass man damit die Pharmaindustrie unterstützt, dem kann ich an dieser Stelle gekonnt widersprechen. Wer Fleisch isst, unterstützt die Pharmaindustrie in einem unvorstellbaren Ausmaß! Nutztiere werden mit Antibiotika und Hormonen zugeschüttet. Abgesehen davon erhalten auch sie im Normalfall das Vitamin B12 über Vitaminpräparate und das in viel größeren Mengen. Nur so können die tierischen Produkte dem Konsumenten das wichtige Vitamin liefern, denn was wir nicht aus der pflanzlichen Nahrung kriegen, können wir auch Tieren nicht in dieser Form bieten. Also ist es doch sinnvoller, das Vitamin direkt über ein Präparat einzunehmen, als die vielfache Menge Kühen zu verfüttern, um das Vitamin indirekt über deren Fleisch oder Milch aufzunehmen.

Wir wollten tierische Produkte reduzieren, wo es uns leichtfallen würde

Da mein Mann sich so wehrte gegen den Veganismus, war anfangs die Abmachung, dass wir den Konsum tierischer Produkte da weglassen würden, wo es einfach ginge. Er äußerte die Befürchtung, dass ich in zwei Wochen alles weglassen würde. Er würde mich doch kennen. Er hatte damit nicht unrecht, nach wenigen Wochen gab es bei uns nichts mehr, was nicht vegan war. Ich hielt mich jedoch an die Abmachung, nur das wegzulassen, was uns leichtfiel. Tatsache ist, dass es uns bei allem leicht viel. Es gab nichts, was sich nicht leicht ersetzen ließ.

Mein Mann hatte gesagt, er wolle wenigstens einen Kaffee pro Tag noch mit Kuhmilch statt Hafermilch trinken. Nach nur einer Woche fragte er mich, ob wir Besuch gehabt hätten. „Warum?“, wollte ich wissen. Es stünde eine offene Kuhmilch im Kühlschrank. Er selbst trinke schon seit Tagen keine Kuhmilch mehr, er habe sich an die Hafermilch gewöhnt. Ich durfte die offene Kuhmilch der Nachbarin schenken, für die ich sie auch geöffnet hatte, und aufhören, Kuhmilch zu kaufen.

Auf die Brote für die Arbeit meines Mannes schmiere ich jetzt verschiedene Gemüseaufstriche und belege sie zusätzlich mit Kernen, Sprossen, Oliven, Gurken und/oder Tomaten. Es ist unfassbar, was es an Auswahl an Brotaufstrichen gibt. Aufstriche, auf die wir sonst gar nicht gekommen wären. Und die sich mindestens so genießen lassen wie Käse. Zum Beispiel ein Brot mit Curry-Mango-Papaya-Aufstrich und einer Scheibe Gurke oder Tomate darauf, ein Genuss! Für meinen Geschmack kommt kein Schinken-Käse-Brot an das heran. Auch mein Mann ist höchst zufrieden mit seinen Broten. Anfangs haben wir auch Ersatzschinken und Ersatzkäse ausprobiert. Es schmeckte zwar auch nicht schlecht, aber wenn die Brote ohne genauso gut schmecken, wozu muss man sie denn zusätzlich mit etwas Künstlichem, Ungesundem und Teurem belegen?

„Tun, was man kann, ist besser als gar nichts tun, nur weil man glaubt, wenig tun zu können.“
– unbekannt –

Lebt ihr auch vegan? Was hat euch dazu bewegt?

Zum Thema Veganismus schreibe ich auch unter: www.vegan-views.de

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6 comments:

Wir leben auch vegan. So schön! 🙂 Es ist für mich der einzige Weg, den Weg des Herzens. Wenn wir fühlen was wir da essen und re-connecten dann löscht es einem doch ab. Ab und zu essen wir vegi, weil es oft auswärts die einzige Wahl ist – dann passt das auch. Ich bin da flexibel.

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Oh schön, das freut mich! Das stimmt, wenn man sich die Tatsachen vor Augen führt, dann muss es einem im Herzen doch einfach weh tun?
Das ist doch eine Möglichkeit, es auswärts flexibler zu handhaben, das macht es auf jeden Fall einfacher, denn etwas Veganes ist teilweise leider wirklich noch schwer zu bekommen. Mein Mann und meine Kinder machen außerhalb auch manchmal Ausnahmen.
Liebe Grüße, Shani

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Wie herrlich beschrieben! Wir erkennen uns streckenweise wider. Eine für uns auch absolut notwendige und richtige Entscheidung! Ich freue mich jeden Tag daran! Ich spreche viel mit meinen Mitmenschen darüber, ich lade zum Essen ein und eigentlich sagt keiner, die ganze Sache ist Unsinn, jeder fängt an Umzudenken! Es ist wunderbar! Wir waren alle hinterm Mond und da sind noch so Viele!
Gutes Gelingen weiterhin!
Vera

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Liebe Vera, wie schön, dass ihr den selben Weg gegangen seid! Auch wir fühlen uns als Veganer sehr wohl und unseren Gästen schmeckt unser Essen auch noch genauso wie früher. Wie toll, dass ihr schon viele Mitmenschen zum Umdenken anregen konntet!
Viele Grüße, Shani

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Hallo Shani,
das ist ein wunderschöner Text. Ich gratuliere auch zur Veröffentlichung in der Huffingtonpost und hoffe, dass sich deinen Text viele Leser zu Herzen nehmen und sich auf ihre eigene vorurteilsfreie Reise begeben werden.
Viele Grüße,
Martin

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Lieber Martin,
ganz herzlichen Dank für deine Nachricht, die mich sehr gefreut hat! Ich hoffe auch sehr, dass der Text bei der Huffingtonpost ein wenig dazu beiträgt, mit Vorurteilen gegenüber Veganern aufzuräumen.
Viele Grüße
Shani

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