Trotzphasen Umgang

Was tun bei Trotzanfällen?

Kinder sind so unendlich süß, man könnte sie den ganzen Tag bestaunen und anhimmeln, wären da nicht diese fürchterlichen Trotzanfälle. Die Trotzphasen unserer Kinder sind ganz klar das, was uns am meisten zu schaffen macht. Wegen der banalsten Kleinigkeiten flippen sie völlig aus, weinen und stampfen und lassen sich kaum mehr beruhigen. Selbst wenn wir ihnen anbieten, was sie ursprünglich wollten, lassen sie sich oftmals nicht mehr zufrieden stellen.

Zum Glück kommen die Trotzanfälle bei uns nur in Phasen vor. Über einige Wochen treten sie mehrmals täglich auf. Dazwischen mehrere Monate gar nicht. Am Anfang, im dritten Lebensjahr, dauern die Trotzphasen länger und die Abstände dazwischen sind kürzer. Im Laufe des vierten Lebensjahres werden die ruhigen Phasen länger und die trotzigen kürzer. Insgesamt gibt es aber mehr ruhige als schwierige Zeiten und an diesen halte ich mich fest.

Keine Lösung, die immer funktioniert

Eine Lösung, wie man ein trotzendes Kind innerhalb Kürze beruhigt kriegt, kenne ich nicht. Ich glaube, es gibt sie nicht. Manchmal denke ich, jetzt hätte ich einen Weg gefunden mein Kind von seinem Trip herunterzuholen. Aber schon beim nächsten Mal funktioniert dieser Weg nicht mehr. Oftmals hilft nur abwarten. Meine mittlere Tochter weinte manchmal bei Trotzanfällen bis zu anderthalb Stunden lang. Ich versuchte immer wieder, sie in den Arm zu nehmen, aber sie ließ keine Berührung zu. Letztendlich wartete ich ab, bis sie dazu bereit war. Dann schloss ich sie fest in den Arm und ließ sie spüren, dass ich sie bedingungslos lieb hatte.

Versuchen, Gelassenheit zu bewahren

Ich kann aber auch nicht immer so gelassen bleiben. Gerade vor zwei Tagen musste ich meine große Tochter in den Kindergarten bringen und dazu alle Kinder mitnehmen. Alle waren fertig bis auf die Mittlere. Sie wollte sich nicht anziehen lassen. Sie bestand darauf, ein Sommerkleid anzuziehen, das sie gerade neu aus Argentinien geschenkt bekommen hatte. Wir befinden uns aber im kältesten Winter, es liegt Schnee. Ich wollte, dass sie sich besonders dick anzieht. Leider verlor ich dann völlig die Geduld, packte sie grob an, brüllte wie ein Löwe und versuchte, sie gewaltsam anzuziehen. Wenn ich so reagiere, merke ich aber immer schnell, dass es nicht hilft. Es macht die Situation nur noch schlimmer. Sie zog sich alles wieder aus und schrie noch fürchterlicher.

Letztendlich konnten wir uns auf den Kompromiss einigen, das Sommerkleid über die dicken Winterklamotten überzuziehen.

Es gab schon Abende, an denen ich Halsschmerzen hatte, weil die Kinder sich so schlimm benommen hatten und ich sie so oft angebrüllt hatte. Zum Glück sind solche Tage aber eher Ausnahmen. Wenn ich merke, dass ich immer ungeduldiger werde, versuche ich mich wieder zu besinnen. Ich konzentriere mich dann darauf, ruhig zu bleiben und auf das Kind nicht wütend zu sein wegen seines Verhaltens. Mir klar zu machen, dass es sich nicht aus bösem Willen so verhält und schon gar nicht, um mich zu ärgern, sondern wahrscheinlich, weil es selbst mit sich und der Situation überfordert ist. Um Gelassenheit zu bewahren, helfe ich mir manchmal mit Ohropax. Ich merke, dass ein zu hoher Geräuschpegel mich stresst und mich schneller ausflippen lässt. Wenn ich das Kindergeschrei dank Ohrstöpseln nur gedämpft aufnehme, kann ich viel gelassener bleiben. Es ist also auch im Sinne der Kinder, auch wenn es vielleicht etwas befremdlich erscheint.

Früher war alles besser

Interessant ist, dass Kinder vor dreißig bis vierzig Jahren anscheinend keine Trotzanfälle hatten. Sie waren alle ganz lieb und brav. Das scheint wohl ein Phänomen der heutigen Zeit, dass Kinder so austicken und ist wahrscheinlich ein Fehler in unserer Erziehung. Zumindest muss man das annehmen, wenn man mit heutigen Großeltern spricht. Von der älteren Generation bekomme ich häufig zu hören, dass ihre Kinder nie solche Anfälle hatten. Freundinnen haben mir schon von ähnlichen Aussagen aus dem Familien- und Freundeskreis erzählt. Wie merkwürdig, dass früher Kinder so ruhig und ausgeglichen waren, während ich heute keine einzige Familie kenne, die nicht mit Trotzanfällen ihrer Kinder zu kämpfen hat. Mir wurde auch schon gesagt, dass es vielleicht an irgendwelchen Strahlen liege, denen heute Kinder ausgesetzt seien...

Man vergisst so schnell …

Ich glaube eher, dass es eine Gedächtnislücke unserer Eltern und Großeltern ist. Leider beobachte ich auch selbst, dass man Details aus dem Leben mit seinen Kindern unglaublich schnell vergisst. Wenn ich das Tagebuch aus der Babyzeit meiner ersten Tochter lese, staune ich andauernd darüber, was ich alles schon vergessen hatte. Dabei ist es wenige Jahre her. Warum sollten unsere Eltern sich nach dreißig oder vierzig Jahren so detailliert an die Trotzphasen ihrer Kinder erinnern?

Keine Berührungspunkte zu Kindern

Schwierig für uns Eltern ist auch, dass Erwachsene, wenn sie nicht selbst Kinder haben, heute kaum mehr mit Kindern in Berührung kommen. Es herrscht leider eine absolute Generationentrennung in unserer Gesellschaft. Erwachsene sehen entweder nur ihre Enkelkinder oder nur ihre Nichten und Neffen. Sie haben keine Vergleichsmöglichkeiten. Wenn mein Bruder uns besucht und wir uns gerade in einer der besseren Phasen befinden, fragt er uns dennoch, ob das normal sei, dass Kinder so viel weinen. Woher soll er es denn auch wissen? Dennoch ist es für uns Eltern frustrierend, wenn ein schwieriges Verhalten unserer Kinder von Umstehenden immer gleich auf unsere "Fehlerziehung" zurückgeführt wird. Das passiert leider nicht selten. Wenn wir Besuch haben von kinderlosen Erwachsenen und die Kinder viel dazwischenreden und herumquengeln, fühle ich mich schrecklich unwohl. Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Person sich bereits Gedanken macht, was wir alles falsch machen. Oftmals wird es auch ausgesprochen und wir erhalten Ratschläge, was wir vielleicht anders machen müssten. Da könnte ich ausflippen. Dafür ist es umgekehrt genauso. Wenn die Kinder ganz brav sind, heißt es gleich, wir würden alles richtigmachen.

Wenn mir eine Fehlerziehung meiner Kinder vorgeworfen wird, kann ich mich oft nur damit trösten, dass derjenige schon bald sehen wird, dass unsere Kinder aus dieser schwierigen Phase herauswachsen und sich zu prächtigen, anständigen Kindern entwickeln werden. Bei meinem Bruder denke ich, dass er hoffentlich selbst bald Kinder bekommt. Spätestens dann wird er sehen, dass seine Kinder nicht artiger und friedlicher, sondern bisweilen genauso trotzig und weinselig sein werden, wie unsere.

Ein weiterer Trost ist, dass das schnelle Vergessen nicht nur für die Erlebnisse mit den eigenen Kindern, sondern genauso für das mit den Enkelkindern, Nichten und Neffen gilt. Wenn die Kinder sich beim nächsten Besuch prächtig verhalten, wird das schlechte Bild unserer Kinder sofort ersetzt und das alte gerät in Vergessenheit.

Intoleranz gegenüber Kindern

Auch die Intoleranz gegenüber Kindern und Kinderlärm führe ich darauf zurück, dass Erwachsene keine Kinder in ihrem Umfeld erleben. Sie wissen nicht, dass man als Eltern seinen Kindern gegenüber manchmal schlicht und einfach machtlos ist. Es ist manchmal einfach nicht möglich, sie ruhig zu stellen. Das Toben und Spielen kann man ihnen nicht verbieten und schon gar nicht ihre Trotzanfälle.

Ich weiß, dass wir ein unendliches Glück haben, dass wir noch nie Ärger von unseren Nachbarn gekriegt haben, weil unsere Kinder zu laut waren. Dabei müsste das kein besonderes Glück, sondern eine Selbstverständlichkeit sein. Als meine mittlere Tochter eine Zeit lang mehrmals täglich laute Trotzanfälle hatte, sprach ich im Flur den über uns lebenden Nachbarn an. Ich schätze ihn auf Ende vierzig und er hat eine circa zwanzigjährige Tochter. Ich fragte ihn, ob er und seine Familie das Geschrei meiner mittleren Tochter noch ertragen würden. Es wäre im Moment etwas schwierig mit ihr. Er antwortete: „Das sind Kinder, die dürfen das!“

Warum können nicht alle solch eine Toleranz gegenüber Kinderlärm aufbringen? Auch etwas Einfühlsamkeit gegenüber den Eltern wäre wirklich wünschenswert. Nachbarn, die sich bei Familien beschweren, deren Kinder angeblich zu laut sind, machen diesen Familien das Leben noch schwerer, als es ohnehin zu diesem Zeitpunkt schon ist. Denn was der Nachbar nur gedämmt hört, müssen die Eltern in voller Lautstärke ertragen und es macht ihnen sicher nicht weniger zu schaffen, sondern wohl eher mehr!

Bei anderen benehmen sich unsere Kinder besser

Interessant ist auch, dass unsere Kinder bei anderen keine Trotzanfälle haben. Im Kindergarten zum Beispiel staunten die Erzieherinnen immer, wenn ich meine Tochter abholte und sie sich gegen das Anziehen wehrte oder aus irgendeinem Grund tobte. Von dieser Seite würden sie mein Kind ja noch gar nicht kennen. Auch wenn die Kinder jemand anderes besuchen und ich nicht dabei bin, benehmen sie sich viel besser. Nur bei uns Eltern trauen sie sich, ihren Frust oder ihre Wut rauszulassen. Das ist aber eigentlich auch nicht verwunderlich. Wir Erwachsenen reden mit unserem Lebensgefährten, unseren Eltern oder Geschwistern auch oft in einem Ton, den wir uns bei Freunden oder Nachbarn nicht erlauben würden. Ich muss immer schmunzeln, wenn mein Mann mit seiner Chefin telefoniert. In diesem Ton hat er seit dem Beginn unserer Beziehung nicht mehr mit mir gesprochen. Hat er aber seine Mutter am Apparat, erkenne ich meinen Mann wieder.

Dass unsere Kinder sich bei uns so austoben, ist also auch ein Beweis dafür, dass sie sich unserer bedingungslosen Liebe sicher sind. Und das sollen sie sich auch sein.

Macht ihr ähnliche Erfahrungen wie ich? Wie geht ihr mit Trotzanfällen eurer Kinder um? Belasten euch besserwisserische Kommentare aus dem Umfeld?

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2 comments:

Hallo Shani!
Ich bin bereits gelernte SPA und agehende Erzieherin im zweiten Ausbildungsjahr. Das was du oben beschreibst ist für Kinder ab dem Alter von 1 1/2 völlig normal. Die Kinder befinden sich in der Autonomiephase und beginnen zu begreifen, dass sie einen eigenen Willen haben. Sie fangen an, dem Erwachsenen mitzuteilen, wenn sie etwas nicht möchten und versuchen ihren Willen durchzusetzen. Dies geschieht durch schreien, weinen, weg laufen und Diskussionen wenn die Kinder älter sind.
Diese Phase ist für beide Seiten nicht ganz einfach.
Für die Kinder ist es besonders wichtig, dass ihm der Erwachsene in der Phase Unterstützung gibt, aber auch konsequent ist.

Sofern die Kinder schon sprechen können, ist es je nach Situation gut, mit ihnen darüber zu sprechen, weshalb sie sauer sind. Der Erwachsene sollte dem Kind Verständnis zeigen und ihm helfen Gefühle zu benennen. Zb. ” Ich kann verstehen, dass du sauer bist, dass wir jetzt nachhause gehen. Aber es ist schon spät Abends, ich habe großen Hunger und möchte gleich noch etwas für uns kochen, vielleicht möchtest du mir ja dabei helfen?” Manchmal muss man dem Kind auch helfen , aus der Situation heraus zu kommen und ihm dann ein Angebot machen. Wenn Regeln nicht eingehalten werden möchten, gibt es da auch keine Diskussion. Ich persönlich frage nach, warum das Kind zb. sich nicht die Hände waschen möchte , erkläre ihm dann aber nochmals, dass wir es hier als Regel haben und es immer so machen. Meist sind es nur Kleinigkeiten, weshalb das Kind die Regel (noch) nicht befolgen kann oder möchte. Zb. Möchte es noch schnell den Bagger weg stellen oder sich die letzten Seiten des Buches zu Ende ansehen. Dann kann man sich darauf einigen, dass die Hände direkt im Anschluss gewaschen werden.

Ich hoffe, ich habe nicht allzu viel geschrieben. 😉 Im pädagogischen Alltag habe ich vermehrt mit Kindern in der Automomie Phase zu tun. Zum Schluss möchte ich noch sagen, dass es mir besonders wichtig ist, einen Alltag mit den Kindern zu leben, der Partizipation zulässt und die Kinder so viel es geht im Alltag mit einzubeziehen. Dieses sorgt auch schon dafür, dass das Kind Selbstwirksamkeit erfährt , sich wahrgenommen und gewertschätzt fühlt und die “Trozphasen” nicht so oft auftreten, als bei Kindern, die kaum bis gar nicht in den Alltag mit einbezogen werden.

Vielleicht konnte ich dir ja noch ein wenig weiter helfen oder Anregungen geben.

Liebe Grüße Denise

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